Kinder sind die wahren Kwährdenker

Wenn Autoreifen-Hersteller von Fröschen lernen, was eine optimale Bodenhaftung ausmacht, oder wir beim Aufhängen der Wäsche die Hebelgesetze beachten, dann denken wir quer, weil wir einen Vorteil davon haben.
Doch die wahren Querdenker sind unsere Kinder – wenn sie gelassen werden. Wenn Erwachsene Kindern etwas „beibringen“ wollen, vermitteln sie dabei auch ihre „klassischen“ Denkstrukturen. Und die sind manchmal nicht gerade „hirnfreundlich“. Wer aber möglichst früh das Querdenken trainiert, erleichtert seinem Gehirn die Arbeit und wird länger von dem Gelernten profitieren.

Lasse hat ein Mikrophon auseinander genommen, einen Redakteur beim Radiosender kennen gelernt, mit dem Team ein Klanghaus gebaut und in der Flötenfabrik erfahren, dass echte Blockflöten heute noch von Hand bearbeitet werden.
Er weiß jetzt alles zum Thema „Lärm, Geräusch, Musik und Töne“ und will später Dirigent, Radioreporter und Schafzüchter werden.
Lasse ist ein Kwährdenker!
Einer von ca. 250 kleinen und großen Querdenkern, die im aktuellen Semester im Celler Kwährdenker-Club für neugierige und wissbegierige Kinder ganz viel lernen. Sein kleiner Bruder Mian entdeckt gemeinsam mit seiner Mutter bei den „Weltentdeckern“ hüpfend die Zahlen, und seine Schwester Luisa stellt als „Forscherin“ im Küchen-Chemielabor „Glasscheiben“ aus Zucker her.
Einmal in der Woche kommen sie alle freiwillig zum Lernen, und sie werden sicherlich mit dieser reichen Erfahrung, dass Lernen ihre Seele bereichert, später langweiligen Frontalunterricht überstehen - denn sie lernen quer!

Edward de Bono (1970) definiert schon „lateral thinking“ (Querdenken) als Spielart der Kreativität, die im Unterschied zum vertikalen Denken in der Lage ist, seine Richtung zu ändern. Damit verbunden sei u.a. eine permanente Neubestimmung der Richtung des Denkens statt Bewegung des Denkens in eine einzige Richtung und der Verzicht auf das Fixieren von Begriffen, Kategorien und Klassifikationen.
Und genauso denken und lernen Kinder: Sie sind neugierig, witzig und spontan, herrlich unkompliziert und voller Leidenschaft für das, was sie gerne tun.
Denn: Kinder lernen gerne! Und wir können Vieles von ihnen lernen!

Doch was passiert beim Querdenken im Gehirn?

Warum ist es so sinnvoll, mit Kindern - kreuz und quer - ganzheitlich und mit viel Freude - ungewöhnliche Denkpfade zu suchen und damit Lernlandkarten im Gehirn abzuspeichern?
Vieles von dem, was wir heute über die Funktionsweise unseres Gehirnes wissen, ist weitgehend noch hypothetisch. Computersimulationen ermöglichen nur virtuell, das Prinzip der Vernetzung von einzelnen Neuronen in künstlichen Netzwerken nachzuempfinden. So beschreibt der Hirnforscher Manfred Spitzer in seinem Buch „Lernen“ (2002), dass wir beim Sprechen einfachen Regeln folgen, ohne sie zu kennen. Das heißt: Wir wissen nicht, was wir gelernt haben, aber wir können es. Spitzer schreibt: „Wer also beispielsweise Englisch kann, muss keinesfalls wissen, dass man bei adverbialem Gebrauch von Adjektiven ein „ly“ anhängen muss. Er tut es einfach.“
Die Fähigkeit, beliebige Informationen individuell zu verknüpfen, zeichnet unser menschliches Gehirn ebenso aus wie das Vermögen, diese Fülle zu bändigen und in sinnvollen Netzwerken, sogenannten kognitiven Karten in der Großhirnrinde anzulegen. Sie interagieren und bringen unsere Sinneswahrnehmungen in ein Wechselspiel mit dem, was wir schon wissen. Es entstehen ganz individuelle „Lernlandschaften“. Stures Auswendiglernen, wie es seit Generationen in deutschen Bildungseinrichtungen praktiziert wird, führt dabei in eine Sackgasse, weil die Schüler das Gelernte nicht mit eigenen Erfahrungen verbinden können. Erst, wenn das Gehirn immer wieder auf andere Weise angeregt wird, durch variierende Aufgaben und andere Herangehensweisen, die zu einer weiteren und vielfältigeren Auseinandersetzung mit dem Thema führen, entstehen sie, die sogenannten neuronalen Netzwerke. Sie ermöglichen es dem Menschen, komplexe Fragestellungen zu lösen.

Welche Rolle dabei das sogenannte Querdenken übernimmt, ist leider nicht exakt wissenschaftlich zu beschreiben.

Es gibt sie noch nicht: Die Studie, die beweist, dass Querdenken sich positiv auf die Hirnentwicklung von Kindern auswirkt. Aber ein sehr anschauliches Beispiel für die Flexibilität kognitiver Karten wurde bei kanadischen Postbeamten beobachtet:
Die Psychologen Polk und Farah (1998) untersuchten, wie das Erkennen von Buchstaben und Zahlen in kognitiven Karten des Gehirns funktioniert: Bekannt war, dass die Fähigkeit, mit Buchstaben und Zahlen umzugehen, in unterschiedlichen Arealen der Gehirnrinde repräsentiert wird. Das erscheint sinnvoll, da wir beim Lesen vorrangig Buchstaben und beim Rechnen vorrangig Zahlen im Gehirn verarbeiten.
Eine Ausnahme bilden hier kanadische Postbeamte, die beim Sortieren von Postleitzahlen nicht nur Ziffern sondern auch Buchstaben lesen müssen. In Kanada bestehen Postleitzahlen – wie auch in England – aus einem Code aus Zahlen und Buchstaben. Wer also täglich viele Stunden am Tag Post sortiert, verarbeitet Buchstaben und Zahlen gemeinsam, was dazu führte, dass sich die kognitiven kortikalen Karten dahingehend veränderten, dass alles in einer kognitiven Karte gemeinsam verarbeitet wird.
Auf die Spur dieser Erkenntnis gelangten die Wissenschaftler durch den sogenannten „Pop-out-Effekt“. Er führt dazu, dass in einer reinen Buchstabenreihe eine einzelne Zahl auffällt und umgekehrt in einer Zahlenreihe ein einzelner Buchstabe. Nicht so bei den Kanadiern: Bei ihnen wurde der Pop-out-Effekt nicht festgestellt.

Lerninhalte werden nie puristisch gelernt


Auf die Praxis übertragen bedeutet das: Lerninhalte werden nie puristisch gelernt. Sie werden immer im Zusammenhang mit Informationen gespeichert, die mit dem Thema verknüpft sind. Und je mehr Beziehungen zu einem Thema geknüpft werden, umso leichter lernt das Gehirn.
Wer also wie Lasse das Thema „Lärm, Geräusch, Musik und Töne“ in der Flötenfabrik, im Tonstudio, beim Bau von Instrumenten und im Gespräch mit dem Opernsänger kennen lernt, der kann beim späteren Abruf der gespeicherten Lerneinheiten auf zahlreiche Verknüpfungen zurückgreifen und diese in neuen, aktuellen Situationen anwenden. Und vor allem erinnert er sich nicht nur an reine Fakten sondern auch an die Spannung, die im Radiosender herrschte, die eigene Freude, als das Schwirrholz tatsächlich Töne von sich gab und an das nette Gesicht des Opernsängers.
Auch diese Erkenntnis ist in der Pädagogik eigentlich nicht neu: Eine emotionale Beteiligung wirkt sich erheblich auf den Lernerfolg aus!

Um diese Frage wissenschaftlich zu untersuchen, wurden in einem experimentellen Ansatz (Cahil et al. 1994) vier Gruppen von Versuchspersonen Geschichten vorgelesen. Zuerst hörte Gruppe 1 eine sachlich geschriebene Geschichte, Gruppe 2 eine emotional aufgeladene. Anschließend wurde ihnen eine Liste mit Behandlungsmaßnahmen im Krankenhaus vorgetragen. Nach einer Woche zeigte sich, dass Gruppe 2, deren Emotionen zuvor stärker berührt wurden, die Liste wesentlich besser parat hatte als Gruppe 1.
Um den Mechanismus der emotionalen Beteiligung beim Lernen weiter aufzuklären, erhielten die Gruppen 3 und 4 vor dem Experiment ein Medikament, das die körperlichen Reaktionen des sympatischen Nervensystems dämpft. Dann hörte Gruppe 3 die sachliche und nüchterne, Gruppe 4 die stärker emotional aufladene Geschichte.
Interessanterweise schnitt dieses Mal Gruppe 4 viel schlechter ab als Gruppe 3. Ganz offensichtlich hatte die medikamentöse Dämpfung ihrer Emotionen zu einer geringeren Behaltensleistung geführt.
Damit war eindeutig bewiesen: Eine positive emotionale Beteiligung verbessert die Lernleistung erheblich. Wenn wir unbeteiligt sind, dann lernen wir auch nichts.

Aber wie schaffen wir es nun, die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was gelernt werden soll? Manfred Spitzer schreibt in seinem Buch „Lernen“ (2002): „Ganz allgemein lässt sich Folgendes feststellen: Was den Menschen umtreibt, sind nicht Fakten und Daten, sondern Gefühle, Geschichten und vor allem andere Menschen.“

Kwährdenker-Stunden finden deshalb nicht nur drinnen statt: Der Kwährdenker-Club geht auf Reisen, besucht Handwerker, Wissenschaftler und andere Fachleute und „schnuppert außerschulische Atmosphäre“. Dadurch wird den Kindern nicht nur Fachwissen vermittelt, sondern auch die Kunst, mit Experten so wertschätzend umzugehen, dass sie Andere an ihrem Fachwissen teilhaben lassen.

Wir brauchen zum Lernen den direkten Bezug des Stoffs zu seiner Welt. Sie ist nicht eingeteilt in Mathe, Chemie und Physik, sondern besteht aus komplexen Zusammenhängen, deren Regeln es zu begreifen gilt.
Erst dann gelingt es, durch ganzheitliche Sinneserfahrung in unserer „Gedankenfabrik“ Strukturen schaffen, die zur weiteren Problemlösung befähigen.

 
¹ E. de Bono: Lateral Thinking: Creativity step by step. Harper& Row, New York 1970 (40. Aufl. 1998) 
 
 

 

 
 
 

 
 

 

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